Kuscheln mit Handicap

In meiner Tätigkeit als Kuscheltherapeutin bekomme ich auch von Menschen mit Behinderung oft Fragen zum Thema “Kuscheln mit Handicap”. Sie wünschen sich, dass ich meine Erfahrungen teile und die Wirkung der Kuscheltherapie auf Menschen mit Behinderung öffentlich kommuniziere. Da es noch sehr unbekannt ist, möchte ich euch nun in diesem Beitrag zeigen, wie Kuscheln Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung helfen kann.

Menschen mit Handicap – Wer ist gemeint?

Damit sind hier körperliche Einschränkungen gemeint, die einen daran hindern, sich frei zu bewegen und einfach mal „unter Leute“ zu gehen. Es sind also meistens Menschen im Rollstuhl oder sogar komplett bettlägerige Menschen. Ich erlebe beim Kuscheln teilweise mit, wie dieses Leben so abläuft. Mir ist die große Abhängigkeit von Assistenz und Pflegepersonal aufgefallen, was oft ein Gefühl von „Ausgeliefertsein“ erzeugt. Selbst wenn diese Abhängigkeit nicht so groß ist, habe ich das Gefühl mitbekommen, dass meine Klienten sich ausgegrenzt fühlten. Einerseits von sozialen Aktivitäten, andererseits konkret von den Mitmenschen. Ich denke hier vor allem an Onlinedating, das immer mit Frust behaftet ist, sobald man die „Umstände“ erwähnt. Allgemein habe ich hier Trauer, Enttäuschung, Frust, Wut, Resignation, Depression als Gefühle miterlebt.

Einstellung gegenüber Behinderten – Historischer Rückblick

Es ist wichtig, in der Zeit zurückzuschauen, um zu verstehen, wo diese Einstellung Behinderten gegenüber herkommt. Früher waren diese nicht wirklich Teil des alltäglichen Lebens, da sie einerseits nicht arbeiten konnten, also quasi als nutzlos für die Gesellschaft wahrgenommen wurden. Andererseits wurden sie körperlich als abstoßend oder eklig, da „mißförmig“ verurteilt. Wenn ein behinderter Mensch starb, war das Gefühl eher Erleichterung, da er nicht mehr leiden musste. Das Leben dieser Menschen war also 100 % von der Fremdwahrnehmung aus der Umgebung bestimmt.

Obwohl wir nun aus dieser Einstellung langsam aufwachen und die Betroffenen selbst zu Wort kommen lassen, müssen sie sich noch oft und heftig gegen Vorurteile wehren und für ein „normales Leben“ kämpfen. Auch Kuscheln mit Handicap sollte im Alltag von Menschen mit Behinderung normalisiert werden. 

Sexualbegleitung und Handicap

Ein Bereich, in dem sich schon einiges getan hat, ist die Sexualbegleitung. So langsam kommt die Erkenntnis durch, dass auch ein „behinderter“ Körper sexuelle Bedürfnisse hat. Gleichzeitig macht das natürlich auch wieder Druck, ein sexuell aktives Leben zu führen. Genau wie beim Durchschnittshetero ist hier die Verwechslung zwischen Intimität und Sexualität zu spüren. Viele Menschen mit Handicap suchen Hilfe bei Prostituierten, einem Escortservice oder der Sexualbegleitung, obwohl sie nach einer langen Durststrecke eigentlich erst einmal nur gesehen und gehalten werden wollen.

Wirkung von Kuscheltherapie auf Menschen mit Handicap

Kuscheltherapie bewirkt eine Beruhigung der Sorgen und Ängste von Unsicherheiten in Bezug auf innere und äußere Werte. Zum Beispiel ist Kuscheln besonders wertvoll, da viele sich hässlich fühlen, was ja auch oft von der Außenwelt bestätigt wird. Als KuschlerIn sage ich mit meiner Berührung: „Nein, du bist nicht hässlich! Ich mag es, dich anzufassen!“ Es hat definitiv eine starke Wirkung auf das Selbstbewusstsein. Sich selbst so zu akzeptieren, wie man aktuell gerade ist, von diesem Effekt berichten viele KundInnen der Kuscheltherapie. Also auch die Akzeptanz des eigenen Handicaps. 

Alltägliche Berührungen 

Berührung ist normalerweise im Alltag immer mit einer funktionellen Handlung verbunden: Duschen, Waschen, Essen, Umlagern, Gymnastik. Selbst wenn die Berührung liebevoll ist, werde ich nicht zum Spaß angefasst, sondern um etwas zu „erledigen“. Das hinterlässt natürlich Spuren im Unterbewusstsein von Menschen mit Behinderung.  Ich fange an, mich als Gegenstand zu fühlen. Die Hierarchie kann zu einer psychischen Belastung werden, denn mein Assistent und ich sind nicht auf Augenhöhe. Ich werde ihm nie beim Anziehen helfen. Vor allem werde ich ihn nie einfach so anfassen dürfen. Einfach nur weil mir danach ist. Für einen Menschen ohne Handicap ist so eine Beziehung sehr schwer nachvollziehbar, außer vielleicht mal kurz beim Arzt, was aber auch schon sehr unangenehm sein kann. Hieraus entsteht ein Leidensdruck und der enorme Wunsch, auch mal jemanden anfassen zu dürfen.

Wenn diese Wünsche erfüllt werden: Ich darf jemanden anfassen, ich werden absichtslos angefasst, also einfach so zum Spaß, für meinen Spaß, kann sich viel Angestautes lösen. Berührung lügt nicht und dadurch entsteht ein großes Gefühl von Erleichterung, alles rückt wieder an den richtigen Ort. Mein Körper kann sich wieder ganz natürlich benehmen, ohne in diese enge Hierarchie gepresst zu werden. Natürlich gibt es bei der Kuscheltherapie auch Grenzen, aber das gibt es beim privaten Kuscheln auch.

Probier es aus!

Wenn du dich auch danach sehnst, probier Kuscheln mit Handicap über eine Therapie bei der Kuschelkiste doch mal aus! Wir machen auch Hausbesuche. Frag einfach bei deinen nächstgelegenen KuschlerInnen nach!

Dass sich auch Menschen ohne körperliche Beeinträchtigung unsicher in ihrem Körper fühlen, kannst du in unserem Blogbeitrag „Magersucht und Body Image“ nachlesen. Wir freuen uns auf deine Kommentare! 

One Reply to “Kuscheln mit Handicap”

  1. Hallo Elsa !

    Vielen Dank, für Deinen Blog bzw. Bericht !
    Ich denke, dass viele Menschen mit Handicap / Erkrankungen interessiert sind und mit kuscheln geholfen werden kann.
    Leider denken viele Ärzte / Therapeuten, dass Menschen mit Handicap keine Berührungen brauchen bzw. ist ein Tabu Thema.
    Ich nehme jetzt seit 9 Jahre, Anti Depressiva und die einzige Wirkung war, dass ich 30 Kilo zugenommen habe und jetzt noch ängstlicher / depressiver. Was hätte mir eine Berührung / Massage Therapie geholfen und vieles zum positiven gemacht…
    Das Problem ist auch, die Ausgrenzung und wenn man nicht mehr arbeitsfähig bist, dann ist keiner zuständig für Dich und wird z.B. von 30 Euro Zeitungsverdienst, 70 Prozent angerechnet bei Sozialgeld Empfänger, wenn die Erwerbsminderunsrente nicht ausreicht zum leben.

    Liebe Grüße

    Roland

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