Magersucht und ‚body image‘

In diesem Beitrag stellen wir euch eine Studie von Martin Grunwald vor. Er ist renommierter Psychologe an der Uni Leipzig und hat sein eigenes „Tastlabor“, also das Haptik Labor in Leipzig gegründet.

Bei dieser Studie geht es darum, wie man Magersüchtigen am besten helfen kann. Annorexia nervosa ist nicht nur ein rein psychologisches, sondern auch ein neurologisches Leiden. Das bedeutet, dass man anhand einer Region im Gehirn feststellen kann, wie schlimm es um den Patienten steht. Bisher waren die Therapiemöglichkeiten für Magersucht eher bescheiden.
Herr Grunwald hatte die kreative Idee, den Patienten probehalber einen Taucheranzug zu verordnen. Das bedeutet, jeden Tag drei Stunden in einem speziellen Neoprenanzug herumlaufen und tägliche Veränderungen notieren. Nach 15 Wochen konnte er tatsächlich neurologische Veränderungen feststellen. Der Bereich in der rechten Gehirnhälfte hatte sich wesentlich verbessert. Das lag daran, dass das Körperbild, also das Abbild des eigenen Körpers im Gehirn, sich wesentlich verändert und dem echten Umfang angenähert hat. Bei Magersucht wird der eigene Körper als völlig übergewichtig wahrgenommen. Durch das konstante Feedback im engen Taucheranzug wurde dieses Körperbild nach und nach angepasst.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Haut, Rezeptoren, Nervenbahnen und Gehirn wird von den Wissenschaftlern noch nicht ganz verstanden. Grunwalds Studie ist jedoch ein Schritt in die richtige Richtung. Mithilfe von neurologischen Sonderfällen können wir viel über den normalen Ablauf im Körper lernen.
Anhand dieses Falles können wir zum Beispiel erkennen, dass unser Körperbild sehr von haptischem Feedback von unserer Haut und unserem Körper allgemein abhängt. Der rein visuelle Input, zum Beispiel wenn wir uns im Spiegel anschauen, kann ein verzerrtes Bild transportieren.

Wir Kuschler raten jedem, der im Alltag keine Berührung erfährt, sich ab und zu selbst zu berühren, zu massieren, evtl. einzucremen. Diese Berührung wirkt nicht nur beruhigend (wie eine andere Studie von Grunwald zeigt), sondern hilft uns, unseren Körper so zu akzeptieren wie er ist. Oft fühlt er sich nämlich viel besser an, als er aussieht. Das liegt daran, dass wir uns optisch konstant mir anderen (unrealistischen) Bildern vergleichen, haptisch jedoch nicht. Unser Tastsinn ist in der Hinsicht viel ehrlicher zu uns selbst.

Quellen:
Grunwald, M.:Haptic Perception Disturbances in Eating Disorders. In: M.Grunwald Ed.: Human Haptic Perception –Basics and Applications. Birkhäuser Verlag: Basel, Boston, Berlin, 2008, 335-351.
Grunwald, M., Weiss, T. (2005):Inducing sensory stimulation in treatment of anorexia nervosa. Quarterly Journal of Medicine, 98, 379-380.

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