Cuddle-work versus Sex-work

In diesem Beitrag will ich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen unserer Arbeit als Kuschler und der Sexarbeit besprechen. Immer wieder werden wir gefragt, ob es beim Kuscheln denn nicht auch um Sex geht, ob es sich nicht um eine sexuelle Dienstleistung handelt.
Nein, wir bieten keine sexuelle Dienstleistung an. Trotzdem bieten wir eine sehr intime Dienstleistung an, bei der viel Körperkontakt stattfindet und auch Gefühle ins Spiel kommen können.

Zuerst zu den Unterschieden: Beim Kuscheln geht es nicht um Lust, Erotik, Verlangen, sexuelle Stimulation, Küssen, erogene Zonen, Verliebtheit. Für diese Gefühle sind ganz andere Hormone und Botenstoffe zuständig: Adrenalin und Dopamin. (Diese Mischung ist übrigens bei Männern und Frauen gleich.) Das Kuscheln, das wir anbieten, beruhigt und entspannt. Würden wir zu aktiv kuscheln, würden unsere Kunden starke sexuelle Erregung empfinden und sich eventuell verlieben. Wir zielen mit unseren sanften Streicheleinheiten eher darauf ab, dass Oxytocin ausgeschüttet und Cortisol gesenkt wird. (Mehr dazu im Beitrag über Oxytocin.) Damit gelangt man in einen entspannten Schwebezustand, in dem Körper (Immunsystem, Blutdruck) und Psyche (alte Verletzungen) sich regenerieren können.
Die Voraussetzung dafür ist Vertrauen, was die intime Natur unserer Arbeit erklärt. Intimer als ’nur‘ Sex ist. Wir kuscheln mit unseren Kunden, als würden wir uns schon ewig kennen. Wir betrachten und achten sie als individuelle und liebenswerte Menschen, nicht als Objekte. Ein offenes Herz gehört zu unserer Dienstleistung dazu.

Kommen wir nun zu den Gemeinsamkeiten: Genau wie bei der Sexarbeit verwenden wir unseren Körper, um unsere Kunden zufriedenzustellen. Daran finden wir nichts Verwerfliches. Sehnt sich jemand nach körperlicher Nähe, kann er sich anstatt für Sex oder Massage fürs Kuscheln entscheiden. Unsere Zielsetzung ist eine völlig andere, wir verwenden dafür aber genauso unseren Körper und unser Wissen wie ein Körpertherapeut/Körpertherapeutin, Masseur/Masseurin oder Sexarbeiter/Sexarbeiterin. Wir sind der Meinung, dass Berührung in ganz unterschiedlichen Methoden (Reiki, Massage, Kuscheln, touch therapy, Sexualtherapie usw.) für eine psychische und physische Besserung und sogar Heilung verwendet werden kann und darf. Obwohl wir mit Sexualität nicht arbeiten, finden wir nicht, dass es sich hierbei um etwas Schmuddeliges handelt oder etwas, das man unterdrücken müsste. Wird unser Kunde erregt, ist das völlig in Ordnung. Wir reagieren nicht mit Beschämung, sondern mit Verständnis. Wir zeigen vielmehr, wie man diese Energie in einen meditativen Zustand verwandelt. Es ist möglich, durch Halte- und Berührungstechniken die Lust abklingen zu lassen. Durch das Bewusstwerden dieser unterschiedlichen Zustände kann die eigene Körperwahrnehmung gestärkt werden.

Wir hoffen, dass eines Tages alle möglichen Berufe, in denen Körperlichkeit verwendet wird, Anerkennung erlangt haben und zu einer glücklicheren Gesellschaft beitragen.

2 Replies to “Cuddle-work versus Sex-work”

  1. Liebe Menschen,

    ein wichtiger klärender Artikel. Allein dafür bedarf es reichlich Anerkennung und Wertschätzung. Hier spricht jemand, dem dieses Thema wirklich am Herzen liegt.

    Viele Missverständnisse machen unseren Alltag komplizierter als dieser per se ist.
    Und genau diese Missverständnisse dürfen geklärt werden. Individuell, in Partnerschaften, in Familie, in Gruppen und kollektiv.

    Kuscheln, Körperberührung und die Folgen sind mannigfaltig und so hoffe ich, daß es bald auch hier bei den selbsternannten cuddlers – ProfiKuschlern zur einer individuellen Öffnung im Sinne von integrativer interdisziplinären Zugängen kommt.

    Erweiternde Erlebnisse, Bewusstwerdung von dem was noch so alles passiert beim Kuscheln von zwei oder mehreren ist ein wesentlicher Punkt um:

    a.) nicht die Fehler der meisten sex-worker bzw. vieler Körpertherapeuten zu begehen
    b.) und sich selbst die Absichtslosigkeit und Natürlichkeit zu behalten. So wie in vielen Berufen entsteht allzu schnell eine Monotonie bzw. Gewohnheit. Spätestens da müssen die inneren Alarmglocken auf die Stärke der Pummerin, Glockenname im Wiener Stephansdom http://www.youtube.com/watch?v=DYNnGXoAS4M erklingen.

    Herzlichen Dank für die intensiven Mitteilungen aus dem Vereinsleben

    Anna

  2. Danke für diesen wertvollen, klärenden Artikel. Ich finde den richtig gut. Und generell liefert mir die Seite hier hilfreiche Anregungen und Horizonterweiterung. Also schön, dass es das hier gibt. Danke auch dafür.

    „Wir kuscheln mit unseren Kunden, als würden wir uns schon ewig kennen. Wir betrachten und achten sie als individuelle und liebenswerte Menschen, nicht als Objekte. Ein offenes Herz gehört zu unserer Dienstleistung dazu.“ Wenngleich auch ich ein offenes Herz besitze, so vermag ich es nicht, jeden x-beliebigen Menschen zu knuddeln. Dafür bin ich einfach zu sehr ein Bauchgefühlsmensch. Das unterscheidet mich wohl zu sehr von jemandem, der auf diesem Gebiet professionell arbeitet.

    Herzliche Grüße, Mina

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