Isolation macht verrückt

Was wir in unserer Gesellschaft gerade freiwillig tun, um uns vor dem Virus zu schützen, ist eine der gefährlichsten Situationen, die man als Mensch erleben kann. Es ist dringend nötig, möglichst verantwortungsvoll nicht nur mit dem Virus, sondern auch mit den Isolationsmaßnahmen umzugehen. Hier erkläre ich, warum.

Isolation als Folter

Isolation, also Beschränkung von Kontakt zu anderen Menschen, wurde schon immer als Bestrafung und als Foltermethode angewendet. Und das aus gutem Grund. Wer kennt ihn nicht, den Satz aus den Krimis: „Zur Strafe gibt es Isolationshaft!“ Es ist sehr leicht umzusetzen, man braucht nicht viel Equipment, ist unblutig, man braucht nur einen extra Raum, der am besten schalldicht isoliert ist. Dafür ist die Wirkung auf die Psyche umso größer. Ein Mensch existiert nur in Bezug auf andere Menschen oder andere Wesen. Fällt dieser Bezug weg, zerfällt auch der Mensch selbst.

Zuerst kommt es zu leichten Gemütsverstimmungen, dann zu immer schwereren Stimmungsschwankungen, es kommt zu Sinnestäuschungen bis hin zu Selbstverletzung. Dieser Zerfall wurde ausführlich in Literatur und Film behandelt. Zum Beispiel in „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Im Film „Old Boy“ wird ebenfalls eine solche Isolation gezeigt, sowie dessen Auswirkungen. Es sind sehr eindrückliche Werke, die zum Verständnis der Funktionsweise des Menschen beitragen. Der Mensch ist als Säuge- und Gruppentier biologisch auf soziale Kontakte angewiesen. Man braucht sich nur Dokus über Säugetiergruppen anzuschauen, um zu verstehen, dass ein ausgestoßenes Tier keine Überlebenschancen hat. Jeder Laie weiß mittlerweile, dass manche Haustiere, wie zum Beispiel Meerschweinchen, einzeln gehalten krepieren. Und zwar nicht an irgendwelchen Krankheiten, sondern an Einsamkeit. Da haben wir’s schon verstanden, nämlich dass Einzelhaltung nicht „artgerecht“ ist. BIG NEWS! Auch Menschen sind in Einzelhaltung nicht artgerecht untergebracht. (Ich denke hier vor allem an Altersheime und ihre an Massentierhaltung erinnernde Räumlichkeiten.) Auch Menschen zerbrechen innerlich, wenn sie zu lange isoliert leben.

Psychische Auswirkungen von „social isolating“

Nun leben die meisten Menschen nicht in KOMPLETTER Isolation. Das braucht es aber nicht, um bleibende Schäden zu hinterlassen. Eine distanzierte, kalte Behandlung reicht schon aus, um jemanden gehörig vor den Kopf zu stoßen. Behandelt man als Eltern sein Kind auf die Art und Weise, wird es später als Erwachsener nachhaltig in seinem Bindungsverhalten gestört sein. Ein solches Verhalten kann verrückt machen!

Man kann die Folgen früherer Quarantänefälle gut studieren. Zum Beispiel bei Sars damals:  Angstzustände, Depressionen, Panikattacken, Psychosen, Schlaflosigkeit, starke Unruhe und Wahnvorstellungen, PTSD, und natürlich auch Selbstmorde. Ob man jemanden nun zur Bestrafung oder zu seiner Sicherheit einsperrt, ist der Psyche letztendlich wurscht. Die Resultate sind die gleichen, da es sich hier um biochemische Vorgänge handelt. Die Zeit nennt das Lockdown passenderweise „eine Maßnahme mit Nebenwirkungen„. Die Aufgabe der Politik ist es jetzt, die Zahlen gegeneinander abzuwägen und die Maßnahmen mit den wenigsten Todeszahlen zu wählen. Keine einfache Entscheidung, die sich sicher niemand leicht macht (außer Trump vielleicht).

Nun gibt es tatsächlich Menschen, die tagein tagaus die im Moment herrschende Kontaktlosigkeit („social isolating“) leben. Sie bewegen sich immer mit anderthalb Metern Distanz zu allen anderen Menschen, sie sprechen niemanden an, sie werden nie angesprochen, sie haben keine Freizeitaktivitäten, kein Sozialleben, wie wir das so schön nennen. Sie können im Notfall niemanden anrufen, sie haben keinen Kontakt zur Familie, zu alten Freunden. Sie sehen lediglich die Kollegen auf der Arbeit, mit denen sie nur das Mindeste kommunizieren. Man könnte sagen, sie befinden sich in Isolationshaft, ohne dass sie es selbst oder wir drumherum es bemerken.

Das hat nachhaltige Auswirkungen. Eine solche soziale Isolation oder Distanz macht auf Dauer verrückt. Es gibt hier verschieden Ausprägungen an möglichen Reaktionen.

1. Autoagression
Manche machen sich selbst dafür verantwortlich, weil sie nicht schön genug, nicht klug und erfolgreich genug sind, um mit anderen mitzuhalten. Diese Menschen verletzen, zerfleischen sich erst mental, dann droht die reale, physische Selbstverletzung.. Sie haben das Gefühl, kein Recht zu haben, zu existieren.
Mittel der Wahl: Z.B. Alkohol, scharfe Gegenstände.
2. Agression
Manch andere bauen innerlich eine Wut, einen Hass auf und schwören sich Rache gegen andere. Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Verschwörungstheorien, rechtes Gedankengut, die Auslöschung der gesamten Menschheit sind Begleiterscheinungen von einem Leben in Isolationshaft. Diese Menschen warten geduldig auf den Moment, in dem sie sich rächen können.
Mittel der Wahl: Z.B. Internetforen, Waffen
3. Hyperaktivität
Es gibt die überaktiven Isolationsopfer, die sich immer in den Vordergrund drängen müssen, die überall mitmachen müssen, die mit Gereiztheit und Schroffheit einen Isolationsring um sich herum bauen. Sie sind vom Gedanken getrieben „Jetzt erst recht“. Immer aktiv, immer unterwegs, um nicht zur Ruhe kommen zu müssen. Ohne den Dauerstress würden sie zusammenbrechen.
Mittel der Wahl: Z.B. Arbeit, Reisen, „Events“, Selfiestick
4. Depression
Eine letzte Art auf dieses Leben zu reagieren ist die Resignation. Die gefühlte Abneigung richtet sich weder gegen sich selbst, noch gegen andere. Sie kann auch nicht kompensiert werden. Diese Menschen ziehen sich einfach zurück, ihr Körper ist nur noch eine leere Schale, ohne Inhalt. Von außen sehen sie ganz normal aus, sie wirken freundlich, vielleicht etwas abwesend. Aber im Grunde funktionieren sie nur.
Mittel der Wahl: Z.B. Fernseher

Mit Empathie durch die Krise

Wir sind ständig von diesen Isolationsmenschen umgeben, die bei lebendigem Leib verhungern, vor unseren Augen. Ich sehe sie täglich als Kuschelkunden. Ich habe es satt, bornierten, verwöhnten, blinden Menschen erklären zu müssen, wer denn eine solche Kuscheltherapie nötig hätte. Augen auf!! Es ist dein Bruder, dein Nachbar, dein Arbeitskollege, schau verdammt noch mal hin, und sieh den Sicherheitsabstand, den du zu diesen Menschen hast, und den diese zu allen anderen Menschen haben.

Diese Unberührten gibt es überall in unserer Gesellschaft.

Wenn du also jetzt in der Quarantäne die ersten Anzeichen von Unruhe, Frust, Kompensation, Hibbeligkeit, Esssucht, Depression, Wut usw. verspürt, dann lernst du jetzt ansatzweise das Leben dieser Anderen kennen. Ich hoffe, du verstehst dann ansatzweise, worum es bei der Kuscheltherapie geht. Ich hoffe, du verstehst ansatzweise, was Isolation mit Menschen macht. Und warum es so dringend nötig ist, diesen Isolationsring zu durchbrechen, und sei es nur durch einen etwas längeren Augenkontakt.

 

4 Replies to “Isolation macht verrückt”

  1. DANKE für diesen tollen und (leider) absolut wahren Artikel, Elisa! Du bringst es mal wieder auf den Punkt. Ich hoffe genau wie du, dass durch diese Zeit gerade den Menschen, die Kuscheltherapie nicht verstehen, belächeln und/oder ablehnen, die Augen geöffnet werden und sie sich dem Drama von sozialer Isolation bewusst werden. So hätte das Ganze zumindest etwas halbwegs Gutes… Weil gerade jetzt, wo man sich nicht mal Nähe kaufen kann, fühlt man sich (ich mich) schon ziemlich in den Arsch gekniffen, muss ich echt sagen. Deshalb hoffe ich wirklich auf ein nachhaltiges Umdenken, sowohl in der Gesellschaft als auch im besten Fall in der Politik, bei den Krankenkassen, im Gesundheitswesen und was weiß ich wo, damit Kuschel- und Berührungstherapie endlich die Wertschätzung bekommt, die sie verdient. <3

  2. Dieser Artikel macht micht sehr traurig, denn auch ich sehe ganz deutlich, was die Corona-Krise in der Gesellschaft wirklich kaputt macht. Auch an mir selbst. Denn ich bezweifle, ob das Virus die eigentliche Gefahr darstellt, doch das ist ein anderes Thema. Zutiefst bereue ich, nicht vorher nochmal richtig aufgetankt zu haben, sondern Monate der Entbehrung verbracht zu haben, obwohl dies nicht nötig gewesen wäre. Auch ich mag die Hoffnung nicht aufgeben, dass nichts zu spät und ein Umdenken bei der Masse möglich ist.
    Würde jetzt ohne Einschränkungen gekuschelt werden dürfen, mich könnte beinahe nichts mehr halten…
    Herzliche Grüße an alle Kuschler!

    1. Ja, es ist eine traurige Angelegenheit. Dafür wurde der erste Schritt jetzt schon gemacht und Berührung ist (mit Auflagen) wieder erlaubt. Also waren es 2 Monate ohne Berührung, für manche viel zu lang, für andere ganz ok, je nach Oxytocintank Füllstand…

  3. Vielen Dank für diesen guten Artikel. leider trifft er der Nagel auf den Kopf und macht mich sogar etwas traurig, aber er bestärkt mich auch in dem Wunsch, selbst ein professioneller Kuschler zu werden, in Österreich gibt es soweit ich gesehen habe noch keinen Mann der das macht, wird Zeit das zu ändern. Ich möchte meinen tollen Job nicht komplett aufgeben, kann man das auch sagen wir mal nebenberuflich machen, Abends (Nachmittag) und am Wochenende hätte ich immer Zeit, ein Teilzeit Kuschler sozusagen 🙂

    Ich möchte das einfach machen, um anderen zu helfen und weil ich sehe wie sehr es hier einen Bedarf gibt.
    Gibt es auch mal eine Ausbildungsmöglichkeit in Wien, Leipzig ist für mich jetzt nicht gerade ums Eck, aber wie gesagt ich habe es nicht eilig. Freue mich auch schon sehr auf das neue Kuscheldate Projekt, gibt es da schon Neuigkeiten ?

    Sobald diese „Krise“ soweit eingedämmt ist oder es einen Impfschutz gibt und damit gefahrloses Reisen und Kuscheln wieder möglich ist, würde ich auch nach Leipzig fliegen für den Kurs, das ist einfach zu wichtig um sich von der Entfernung abhalten zu lassen.

    Liebe Grüße aus Wien
    Andreas

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