Profi Kuschlerin: Zwischen Therapeutin und Surrogatfreundin

Nachdem ich mittlerweile einiges an Erfahrung sammeln durfte, würde ich gerne über den schwierigsten Drahtseilakt beim professionellen Kuscheln erzählen. Nein, es geht hier nicht um die Grenze zwischen Kuscheln und Sex. Es geht um die Grenze zwischen Dienstleistung und Freundschaft.

Bei vielen meiner Kunden ist mir aufgefallen, dass sie nach einer Weile vergaßen, dass wir „nur“ eine professionelle Beziehung haben. Zum Beispiel meldeten sie sich öfters per Mail oder SMS, oder versuchten sogar anzurufen. Bei meiner Ausbildung zur professionellen Kuschlerin habe ich gelernt, dass man ein solches Verhalten sofort ansprechen und unterbinden muss. Dabei geht es nicht darum, kalt und distanziert zu sein, wie das ab und zu interpretiert wurde. Es geht darum, die Art der Beziehung immer wieder klar zu machen, und damit keine Erwartungen zuzulassen, die über das professionelle Kuscheln hinausgehen. Und noch einmal: dabei geht es nicht um Sex. Dabei geht es um Freundschaftsdienste, um Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Um die Situation besser verstehen zu können, muss man sich den sozialen Kontext vieler Kuschler vergegenwärtigen: Sie leiden meistens an Einsamkeit und haben niemanden, der sie liebevoll und respektvoll anfasst oder auch nur mit ihnen redet. In unserer Gesellschaft kann man viele Freunde und Bekannte haben und gleichzeitig einsam sein. Denn nur, wenn der Kontakt persönlich und tiefgehend ist, ist er befriedigend. Wenn sich diese Menschen nun professionelle Hilfe holen, was eh das Richtige ist, geraten sie manchmal in die „Falle“, dass sie die professionelle Unterstützung als privaten Ausweg aus ihrer Einsamkeit sehen. (Beim Kuscheln ist das besonders verlockend: Man kann intime Dinge erzählen, bekommt liebevolle Berührung und interessiertes, positives feedback.) Viele Prostituierte und Therapeuten kennen diesen Effekt: Die Bindung, die entsteht, geht über das eigentlich vorgesehene Verhältnis hinaus. Es entsteht eine Abhängigkeit.

Als professionelle Kuschler sind wir in der gleichen Position wie Therapeuten: Wir helfen den Menschen, ein gutes Verhältnis zu sich selbst aufzubauen, damit sie dann selbst Wege aus ihrer Einsamkeit, Unzufriedenheit usw. finden. Häufig geht mit einem besseren Selbstbewusstsein auch eine Veränderung der Lebensumstände einher: Man klammert sich nicht mehr an Menschen/Verhalten/Jobs, die einem nicht gut tun, sondern kann Veränderung zulassen. Wir sind also im Grunde Geburtshelfer. Eine Fixierung auf uns ist dabei völlig kontraproduktiv und lenkt von der Arbeit an sich selbst ab.

Ich bin dankbar für jede Erfahrung, auch für alles was schiefgeht, denn so lerne ich immer mehr über dieses spannende Verhältnis. Ich mache weiter mit try and error, denn bei einem neuen Beruf wie diesem muss man erst einmal angemessene Regeln etablieren. Das geht nur mit viel Praxiserfahrung.

Danke fürs Lesen!

Liebe Umarmungen von eurer Elisa!

4 Replies to “Profi Kuschlerin: Zwischen Therapeutin und Surrogatfreundin”

  1. Hallo, ich sehe auf jeden Fall den Bedarf an Kuscheleinheiten in unserer heutigen Gesellschaft. Irgendwie ist das traurig, wohin sich das alles entwickelt. Eure Idee hab ich schon woanders gesehen, finde ich aber gut.

    Naja, ein Grund wieso viele Therapeuten den Körperkontakt vermeiden ist ja gerade, dass es derartige Abhängigkeiten zwischen Klienten und Therapeuten nicht autreten sollen. Es finden oft psychologische Übertragungen statt. D.h. wenn der Mann ein Defizit an mütterlicher Zuwendung in der Kindheit hatte, dann kann es sein, dass er die Kuschlerin unbewusst als Mutter sieht. Das kann leicht zu Abhängigkeiten oder Verletzungen führen. Muss man halt aufpassen.

    Viele Grüße,
    Fabian

    1. Lieber Fabian,
      hier die Formulierung von Volker Knapp-Diederichs, die auch meine Meinung dazu widerspiegelt:

      „Das Tauschgeschäft in der therapeutischen Beziehung

      Erst dann, wenn Licht- und Schattenseiten des Therapeuten in der Wahrnehmung des Klienten nebeneinander existieren, können wir die wesentlichen Übertragungsanteile als aufgelöst betrachten.

      Hier steht der Therapeut vor der Herausforderung, jene aus der Psychoanalyse stammende Abstinenzregel nicht nur zu kündigen, sondern ihr entgegenzuwirken, indem er sich offen und ehrlich auch mit seinen Schattenseiten und authentischen Persönlichkeitsanteilen zeigt. Auf diese Weise wird die Übertragungsbeziehung auf einer menschlichen Ebene geerdet und die Dominanz ihrer Regressionsanteile entscheidend gemindert.

      Analog zu den idealisierenden Übertragungen nehmen also die Regressionen ab. Die Realitätsanteile von Beziehung überwiegen. Denn ein Aspekt der uferlos idealisierenden Übertragungen findet sich in dem Phänomen, dass der Klient den Therapeuten in erster Linie als Projektionsfläche seiner Ich-Ideale und Allmachtsphantasien inszeniert, als reine Kunstfigur. Auf einer subtilen Ebene findet sich in der grandiosen narzisstischen Übertragung auf den Therapeuten ein entscheidender Anteil von egozentrischer Selbstaufwertung. Indem ein Klient seinen Helfer großartig phantasiert, setzt er sich selbst als besonders und einzigartig.

      In diesem Vorgang verbirgt sich eine Falle, nämlich dass es zu einem stillschweigenden Arbeitsbündnis zwischen dem narzisstischen Ego des Klienten und dem des Therapeuten kommt. Ein fataler Pakt, denn der Deal zweier Egos läuft darauf hinaus: »Ich, der Klient, idealisiere und verehre dich in deiner Großartigkeit und Genialität und dafür erwarte ich von dir, dass du mein Ego mit Samthandschuhen bzw. am besten gar nicht anfasst.《

      […] Am Ende des Prozesses stehen nicht mehr die Dramen der Vergangenheit und die Perspektive erlittenen Leids, sondern die Gegenwart der authentischen Gefühle aus der Tiefe des Herzens.“

      Übertragung findet also erst recht statt, wenn man sich zum „Unberührbaren“ macht, und wird abgebaut, wenn man sich auf dieselbe Ebene begibt.

      Lg
      Elisa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.