„Hast du denn keine Angst?“

Hier eine persönliche Reflektion zur extrem häufig gestellten Frage „Hast du denn keine Angst?“ als Reaktion auf die Aussage, dass ich professionelle Kuschlerin bin.

1. Was bedeutet diese Frage?

Diese Frage beinhaltet, dass ich als weibliche Person im engen Kontakt mit Männern Angst haben SOLLTE. Es geht hier nicht um weibliche Kunden. Es geht um Männer. Ich soll ganz konkret Angst davor haben „wenn die dann mehr wollen“. Mehr bedeutet hier, dass sie Sex haben wollen. Und das dann auch tun. Ich soll also Angst vor Vergewaltigung oder zumindest Vergewaltigungsversuchen haben. Normalerweise. Denn scheinbar fürchte ich mich ja nicht davor, oder bin zu naiv, um Angst zu haben, oder habe Angst und mache es trotzdem. Das scheint für 99% der Menschen unverständlich, deswegen erkundigen sie sich, warum genau ich denn sowas überhaupt tue, warum ich mich traue, so etwas zu tun.

2. Was wollen die Menschen hören, die diese Frage stellen?

Die Frage ist eigentlich eine Suggestivfrage, denn wie unter 1 schon beschrieben, ist die zugrundeliegende Annahme, dass ein normaler Mensch so etwas nicht tut, es ist also eher eine verstecke Aufforderung: „Tu’s nicht!“. Es ist auch ein Adruck von „Ich habe Angst vor Männern!“. Die Leute wollen also so etwas hören wie: Ich verlange den Ausweis, den ich nur zurückgebe, wenn nichts passiert ist, ansonsten werde ich diesen sofort an die Polizei mit der Anzeige weitergeben. Oder: Mein Freund sitzt im Zimmer nebenan, bei offener Tür, und kann in jeder Sekunde einschreiten, sobald ich ein gewisses Codewort sage. Oder: Unter meinem Kissen liegt der Pfefferspray, ich kann ausserdem Kampfsport. Zusätzlich wird alles auf Video aufgenommen. Also Antworten, die die Angst der Menschen beruhigen und sie gleichzeitig in ihrem Weltbild bestätigen. Damit sie dann erleichtert sagen können: Ahso, na dann ist ja gut. Was sie nicht hören wollen ist das, was ich meistens als Antwort gebe: Nein. Hab ich nicht. Und ich sichere mich auch nicht mehrfach ab.

3. Worum geht es hier wirklich?

Es geht hier um ein spezielles, extrem angstbesetztes Verhältnis zwischen Männern und Frauen in unserer Gesellschaft. Es ist mehr als ein Verhältnis, es ist ein Konstrukt. Ein Konstrukt, das aus einer kollektiven Traumatisierung stammt. Dieses Konstrukt geht so: Männer sind unkontrolliert und triebgesteuert und vergewaltigen jederzeit, wenn die Gelegenheit sich ergibt. Frauen sind immer Opfer und immer hilflos, und werden reihenweise von diesen bösen fremden Männern vergewaltigt. Jeder mediale Bericht über Vergewaltigungen von Männern bestätigt dieses Konstrukt. Alle anderen Berichte, die dem widersprechen, werden ausgeblendet. Es ist ein Konstrukt, weil es in der Realität nicht so einfach funktioniert. Dieses Konstrukt ist eine Vereinfachung von sehr komplexen Geschlechterverhältnissen und außerdem eine Verstärkung seiner selbst. Es ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Solang wir daran glauben und es verstärken, wird sich dieses Verhältnis nie verändern. Wir verstärken das Konstrukt genau mit dieser Frage „Hast du denn keine Angst?“. Hierbei handelt es sich um einen sehr grundlegenden Glaubenssatz, denn jeder Versuch, daran zu rütteln, wird extrem heftig abgewehrt.

4. Realitätscheck

Es ist extrem unwahrscheinlich, dass sich ein Kunde bei mir meldet, der vorhat, mich zu vergewaltigen. Das anzunehmen wäre genauso an den Haaren herbeigezogen wie die Annahme, alle Bankangestellten hätte ständig Angst vor einem Überfall oder alle Therapeuten würden sich vor Stalkern fürchten usw. Nur weil es das schon einmal gegeben hat, bedeutet das nicht, dass es passiert. Jeder steigt jeden Tag in sein Auto, obwohl erst gestern jemand anderes einen Unfall hatte, obwohl vielleicht sogar jemand bei einem Unfall gestorben ist. Jeder trinkt Alkohol, obwohl das oft zu Unfällen, sogar tödlichen führt. So tun wir jeden Tag potentiell sehr gefährliche Dinge, einfach weil wir wissen, dass es unglaublich UNWAHRSCHEINLICH ist, dass es uns passiert. Die Angst vor dem fremden schwarzen Mann ist eine kollektive Neurose, die nicht mal unbedingt durch ein persönliches Erlebnis hervorgerufen wurde, sondern durch das kollektive Wissen, dass es jemandem irgendwann mal passiert ist. Diese Neurose ist zudem völlig irrational, weil sexuelle Übergriffe am häufigsten im engen Verwandten- und Bekanntenkreis stattfinden. Allerdings hat mich noch nie jemand gefragt: „Hast du denn keine Angst vor deinem Vater?“. Sich vor fremden Männern zu fürchten hat sich eingebürgert, und es wird höchste Zeit, daran was zu ändern.

5. Was kann man dagegen tun?

Wenn wir unsere Gesellschaft ändern wollen, wenn wir Männern vorurteilsfrei gegenübertreten wollen und sie damit aus ihrem Teufelskreis befreien wollen, dann müssen wir an unserer Neurose arbeiten. Wir müssen das Konstrukt „Männer sind sexuell agressive und unkontrollierte Täter, Frauen sind asexuelle, hilflose Opfer“ dekonstruieren. Es gibt verschiedene Punkte, an die man sich immer wieder erinnern sollte, und die man sich vor bestimmten Aussagen und Taten vor Augen halten sollte: Männer UND Frauen können sexuell agressiv und übergriffig handeln. Vergewaltigungen kommen selten aus dem Nichts und dafür häufiger aus unklaren Anbahnungssituationen, bei denen der eine oder der andere sich nicht traut, Nein zu sagen. Männer brauchen genauso wie Frauen zärtliche, nicht-sexuelle Berührungen, und zwar am besten täglich. Frauen sind nicht von Natur aus Opfer, sie sind oft auch nicht körperlich unterlegen. Eine klare und selbstbewusste Kommunikation über die eigenen Wünsche (Sex, Kuscheln, Küssen usw.) räumt radikal jedes Missverständnis aus der Welt.

Niemand ist Schuld an dem jetztigen Zustand der Gesellschaft, aber solange wir mitmachen und die Vorurteile und Neurosen weitertragen, sind wir mit Schuld daran, dass der Zustand sich nicht verändert. Wenn wir eine Gesellschaft haben wollen, in der Männer genauso wie Frauen zivilisiert und rücksichtsvoll handeln, dann ist es kontraproduktiv vom Gegenteil auszugehen und dies in Fragen („Hast du denn keine Angst?“) und Ratschlägen („Du solltest dich besser absichern.“) auszudrücken.

One Reply to “„Hast du denn keine Angst?“”

  1. Wow. Intelligent, reflektiert und sehr mutig. Hervorragende Einblicke in die Welt der Realitätskonstruktion und über den aufgeklärten Umgang mit der Angst.
    Allerdings: Auch wenn Angst zu haben sicherlich übertrieben ist, ist ein Grundschutz in angemessenem Umfang sicherlich sinnvoll. Vergleichbar mit allen anderen Gelegenheiten, wo zwei sich unbekannte Menschen zu zweit aufhalten. Schließlich haben Autos auch einen Airbag.

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