Depression und Kuscheln

Nachfolgend findet ihr einen Bericht von einem Kuschelkunden mit Depression. Vielen Dank für den Mut und die eloquente Darstellung deiner Erfahrungen!

Ankuscheln gegen die Depression

Mein wirklicher Name tut nichts zur Sache. Aber nennen wir mich der Bequemlichkeit halber mal K. Ich bin Anfang 40 und habe seit 15 Jahren mit wiederkehrenden depressiven Schüben zu kämpfen. Ehrlich gesagt denke ich, dass ich schon sehr viel länger mit depressiven Episoden zu tun habe, aber erst vor 15 Jahren den Mut hatte, mich damit hilfesuchend an meinen damaligen Hausarzt zu wenden.

Dazu kommt, dass ich Single bin und auch schon immer war.

Teil meiner Depression sind streckenweise recht ausgeprägte Gefühle von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Depression wird ja u.a. auch als Krankheit oder Zustand der „Losigkeiten“ bezeichnet – also ich kann es bestätigen.

Von freundschaftlichen Umarmungen bei Begrüßung oder Abschied mal abgesehen, gibt es für mich menschliche körperliche Nähe und Berührungen nur beim Arzt/Physiotherapie oder Friseur. Zum Glück folgen uns Menschen Katzen seit Jahrtausenden als Haustiere. Und auch ich liebe es, mit einem Stubentiger zu schmusen, zu sehen und zu hören wie sie oder er sich wohl fühlt durch meine Streicheleinheiten und Nähe. Aber einen Menschen kann selbst eine anhänglicher Schmusekater nicht ersetzen.

Kurz gesagt, ich sehne mich nach körperlicher Nähe, danach berühren und berührt zu werden. Da mir dazu die Partnerin fehlt, habe ich nach langem Zögern nach Möglichkeiten gesucht, dieses Bedürfnis zu bedienen. Von Kuschelparties hatte ich schon gehört und entsprechende Berichte dazu in den Medien gesehen und gelesen. Allein der Gedanke, mich mit vielen fremden Menschen quasi von Null auf Hundert auf eine wirklich unmittelbare körperliche Nähe einzulassen, hat mich überfordert.

Doch dann bin ich dank einer bekannten Suchmaschine so Ende 2018 auf die Kuschelkiste gestoßen – das war genau das, was ich gesucht habe!

Nur getraut habe ich mich erstmal nicht. In der Folgezeit habe ich immer wieder die Seite besucht, Gästebucheinträge und Artikel im Blog gelesen. Und dann irgendwann Mitte Februar habe ich es dann doch gewagt und habe Elisa in Leipzig angeschrieben und nach einem Kuscheltermin gefragt. Wegen schon verplanter Zeit auf beiden Seiten war es dann ein Freitag Ende März, an dem ich mich auf den Weg nach Leipzig gemacht habe, um Elisa zum Kuscheln zu treffen.

Aufgeregt stand ich dann vor ihrer Tür. Doch Elisa ist eine sehr sympathische Frau, die mir durch ihre freundliche, ruhige und vertrauenerweckende Art schnell die Nervosität nehmen konnte. Nach einem kurzen Vorgespräch ging es dann los, indem wir uns auf ihr sehr großes und sehr bequemes Sofa gesetzt haben. Zu Anfang eine Umarmung zum „Ankommen“ und dann ihre Frage, ob ich denn bestimmte Vorstellungen oder Wünsche hätte. Da ich da nicht so recht etwas zu sagen wusste, sagte sie mir, ich solle mich doch einfach mal auf den Rücken legen. Gesagt, getan. Dann hat Elisa sich an meine Seite in meinen Arm gelegt und sich Stück für Stück immer weiter an mich herangekuschelt. Wir haben uns im Arm gehalten und sie hat dann noch ihre Beine um meine Beine geschlungen. Innerhalb von zwei Stunden haben wir dann in verschiedensten Konstellationen auf dem Sofa gekuschelt. Die Zeit verging wie im Flug.

Es war einfach ein ganz wunderbares Erlebnis, einen Menschen, eine Frau, so nah zu erleben, ihre Wärme und ihre Präsenz zu spüren. Mit einem sehr guten warmen Gefühl bin ich dann nach Hause gegangen.

Auswirkungen

Nach der Kuschel-Session war ihre erste Frage, wie ich mich bzw. mein Körper sich anfühlt. Das erste Wort, das mir da spontan in den Sinn gekommen ist, war „leicht“. Dieses Gefühl hielt noch einige Tage an.

Elisa meinte dann noch, dass eine Kuschel-Session bei vielen Menschen Nachwirkungen entfaltet und ich mich doch mal in den folgenden Tagen beobachten sollte.

Habe ich gemacht.

Am Samstagvormittag habe ich aber erst richtig realisiert, was ich mit und durch Elisa erlebt und wahrgenommen habe – es hat sich ein allumfassendes, warmes und behagliches Gefühl der Geborgenheit und des Angenommenseins ohne Vorbedingungen meiner Person, also meines Körpers und meiner Seele, in mir ausgebreitet.

In dem Moment konnte ich nichts anderes tun als weinen. Keine Angst, das ist nichts Schlimmes. Es war für mich letztendlich eine positive Reaktion. Weinen konnte ich schon sehr lange nicht mehr, auch wenn ich es mir manches Mal sehnlich gewünscht habe. Aber nun konnte ich endlich einen erdrückenden Gefühlsstau auflösen und all die belastenden Gedanken und Gefühle aus mir herausströmen lassen. Ganz so, als ob die unmittelbare Berührung am ganzen Körper eine Art Verkrustung aufgebrochen hätte. Das war zwar einerseits ein trauriger Moment, andererseits war es aber auch ein befreiendes und reinigendes Erlebnis. Dafür danke ich ihr sehr herzlich.

Ich bin kein religiöser Mensch, aber gewisse Lebensmaximen begleiten auch mich: „Alles fließt“ als Erkenntnis und Akzeptanz des ewigen und andauernden Wandels, des Werdens und Vergehens und den Auftrag an mich selbst „Werde, der Du bist“. Mich zu trauen, zu ihr zum Kuscheln zu gehen, hätte ich vor sagen wir ein oder zwei Jahren nicht für möglich gehalten, aber ein innerer Wandel meiner Einstellungen (mit Hilfe meiner Therapeutin) hat es mir ermöglicht, das Kuscheln als positives Erlebnis annehmen zu können. Wer ich bin, ist für mich manchmal schwer zu sagen, aber wer ich für mich und andere Menschen u. a. sein möchte, das ist mir nun ein Stück weit klarer geworden: Ein Mensch, der Zuneigung und Nähe geben und auch empfangen kann.

Eine Woche nach meinem Kuschel-Besuch bei Elisa konnte ich immer noch einen anhaltend-positive Effekt spüren. So habe ich u.a. an mir selbst bemerkt, dass ich fremden Menschen irgendwie mit größerer Empathie gegenübertrete.

Was meine ich damit? Depressiven Menschen wie mir sitzt nun nicht unbedingt ein einnehmendes Dauerlächeln im Gesicht und ich gucke leider oft auch recht griesgrämig in die Welt. Das hat zwangsläufig auch seine Wirkung auf meine Mitmenschen, die dann vielleicht denken, dass ich nicht gut drauf bin und ich einfach nur in Ruhe gelassen werden möchte.

Das stimmt aber so nicht. Um diesen Graben zwischen mir und anderen Menschen zu überwinden, versuche ich jeden Tag mindestens einem fremden Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Das können zum Beispiel ein paar nette Worte zur Verkäuferinnen und Verkäufern beim Bäcker oder im Supermarkt über das Wetter oder über andere scheinbare Belanglosigkeiten sein. Und wichtig: Beim Abschied wünsche ich stets noch einen schönen Tag oder Abend. Damit bereite ich auf der einen Seite den angesprochenen Menschen eine kleine Freude im oft hektischen Alltag und andererseits geht es auch mir danach immer ein wenig besser und ich fühle mich ein wenig mehr mit meinen Mitmenschen verbunden.

Und nun zurück zur Kuschel-Session bzw. deren Nachwirkung: Mir fällt das seitdem irgendwie leichter und ich habe auch das Gefühl, dass ich weniger missmutig in die Welt schaue.

Ich weiß nicht, welche weiteren Reaktionen und Gedanken mein Kuschel-Erlebnis mit Elisa in mir auslösen wird, aber ich bin darauf schon sehr neugierig. Ich bin mir sicher, dass ich das Kuschel-Angebot wieder in Anspruch nehmen werde. Ich danke Elisa auf jeden Fall für ihr Kuschel-Angebot und bin sehr froh, dass ich diese Möglichkeit entdecken durfte.

One Reply to “Depression und Kuscheln”

  1. Jetzt wo ich das lese, erinnere ich mich wieder. Meine ersten Kuschelerfahrungen waren, nachdem ich mich darauf eingelassen habe innerlich und Vertrauen aufgebaut hatte, ein ganz langes Weinen, das sehr gut tat. Allein weinen kannte ich gut, und wenn es begleitet wird, ist es viel besser. Als Mut zum Weinen.

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