Berührungs-Normalität

In diesem Beitrag will ich mich über das auslassen, was in unserer Gesellschaft als „normal“ gilt.

Der Beitrag ist nicht objektiv geschrieben, da es für mich ein sehr emotionales Thema ist. Ich finde es erschreckend, dass in unserer Gesellschaft das Bild eines normalen, erwachsenen Menschen KEIN Lachen, KEINE Berührung, KEINE Zärtlichkeit enthält. Jede Interaktion soll gemäßigt, kontrolliert, möglichst unaufgeregt sein.

Menschen, die offen auf andere Menschen zugehen und sie absichtslos berühren, werden entweder als psychisch minderbemittelt eingestuft oder als kriminell. Vielleicht hat man das Down-Syndrom oder man will die Handtasche klauen. Eine dritte Möglichkeit: man will jemanden sexuell belästigen.

Dass Berührung extrem tabuisiert ist und meistens in die sexuelle Schublade gesteckt wird, haben wir in anderen Beiträgen schon oft betont. Das erklärt aber nicht ausschließlich diese extreme Berührungsfeindlichkeit. Ich denke hier laut über weitere mögliche Ursachen nach.

Ein Grund für diesen Zustand ist meiner Meinung nach auch die Vorstellung, dass Spass etwas Schlechtes sei, und man nicht zuviel davon haben darf. Vera Birkenbihl zum Beispiel hat dies schon längst bemerkt: Hört man ein Lachen, wenn das Kind Hausaufgaben macht, geht man automatisch davon aus, dass es gerade etwas anderes macht, dass man es also ermahnen muss. Das zeigt deutlich den Fehlschluss, der sich immer noch hartnäckig in unserer Gesellschaft hält: Arbeit kann keinen Spass machen, und Ablenkung, Spass, verdirbt die Arbeit. Diesen Gedanken hämmern wir den Kindern und Jugendlichen in den Schulen ein, bis sie es endlich verstanden haben. Dann ärgern wir uns über die Null-Bock-Mentalität der Jugendlichen was die Arbeitssuche angeht. (Da könnte ich Lehrern, Eltern und Schulsystem einfach nur stundenlang in den Hintern treten.) Spass ist also verboten, ausser zu ganz besonderen Gelegenheiten, vielleicht zum Geburtstag oder im Urlaub. Selbst dann macht man es verschämt, nicht vor anderen Leuten, am besten heimlich. Spass äußert sich dann oft auch in Suchtverhalten, beim Rauchen, beim Glücksspiel, beim Essen, beim Surfen im Internet, beim Daddeln, beim Shoppen. Dieser Spass geschieht schnell und wie im Rausch, und danach hat man meistens ein schlechtes Gewissen. Denn nun hat man das schwer verdiente Geld ausgegeben, man hat die wertvolle Zeit verschwendet. Also muss man jetzt noch härter arbeiten als zuvor. Ein emotionaler Teufelskreis aus Lust und Schuld. Nur wenige Leute halten das Nichtstun aus, genauso wie das Nicht-Sprechen. Stille ist für viele extrem unangenehm, deswegen läuft hier ständig das Radio, der Fernseher, die Kopfhörer. Ein Aussteigen ist also erst mal viel zu schwer, also macht man weiter, wie bisher.

Ein weiterer Grund für das Ausschließen von Berührung und Freude aus unserer Gesellschaft: Offenheit und Verletzlichkeit wird als Schwäche ausgelegt. Jemand der seine Gefühle direkt ausdrückt, eventuell auch noch durch eine Berührung, wird verachtet. Diese Charaktereigenschaften werden als typisch weiblich, also nicht ernstzunehmend, wahrgenommen. In unserer immer noch männerdominierten Gesellschaft herrschen immer noch männliche Ideale, weibliche Verhaltensweisen werden also immer noch belächelt. Sie sind nicht effektiv, nutzlos, stiften nur Unordnung. Man denke nur an das perfekte Vorstellungsgespräch: Hier soll man möglichst keine Emotionen zeigen, besonders keine Angst oder Nervosität. Kontrolle ist das oberste Ideal, deswegen werden Behinderte aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen, da sie sich selbst und die Situation nicht unter Kontrolle haben. (Genauso wie bis vor kurzem Frauen, da die sich genauso wenig „unter Kontrolle“ hatte.) Sie werden als Kinder, also als nicht-mündig angesehen. Dies hat viel weniger mit ihren Fähigkeiten, sich um sich selbst zu kümmern zu als vielmehr mit der Angst, die wir vor ihrer Offenheit haben; das zeigt sehr schön Lars von Triers Film „Idioten“. Dass diese Offenheit aber erst Kommunikation und Austausch ermöglicht, wird in unserer Gesellschaft ignoriert. Unser Wertesystem dreht sich nicht um ehrlichen Austausch sondern um Erfolg. (Auch eine typisch männliche Denkweise, die leider viele Frauen übernehmen und das dann mit Emanzipation verwechseln.) Erfolg bedeutet bei uns, dass man besser als alle anderen ist. In der Schule gibt es nur einen Besten, immer nur der Erste wird in allen Disziplinen ausgezeichnet. Das ist natürlich besonders beim Sport zu bemerken. Das bedeutet allerdings auch, dass man gegeneinander arbeitet und nicht miteinander. Man freut sich so auch nicht über den Erfolg von anderen, da er für den eigenen Erfolg eine Bedrohung darstellt. Deswegen agieren die Meisten in unserer Gesellschaft unter dem Einfluss des Konkurrenzgedanens, der beinhaltet, dass man andere belügt, hinter ihrem Rücken arbeitet. Andere am eigenen Wissen teilhaben zu lassen ist schlecht, ausser man arbeitet gemeinsam gegen eine größere Einheit. Diesen Diskurs erkennt man leicht an den zahlreichen Thriller und Krimis, in denen sich ehemalige Partner gegeneinander wenden und sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Den umgekehrten Fall hab ich noch in keinem einzigen Film gesehen. (Wie langweilig wäre das denn??)

Kommen wir nun zum dritten Fall: Jemand der uns berührt, will uns sicher beklauen. Diese Denkensweise geht auf die eine schlechte Erfahrung zurück, die jeder irgendwann mal im Urlaub oder in der Bahn gemacht hat: Jemand hat uns beklaut. Diese traumatische Situation, die schnell verdrängt und mit effektiven Handlungsweisen ausgebügelt wird, funkt uns ab jetzt immer wieder in den Alltag dazwischen. Die 1000ende Male, in denen wir nicht beklaut worden sind, sind längst vergessen und spielen keine Rolle. Von klein auf wird uns deswegen auch von allen Seiten eingebläut, dass wir ja vorsichtig sein müssen, da jederzeit etwas Schlimmes passieren könnte: Geh nicht Nachts allein auf die Straße! Mach immer deine Handtasche zu! Sprich niemand Fremdes an! Schau niemand Fremdes in die Augen! Auf diese Art und Weise werden wir auf Misstrauen und Fremdenhass konditioniert. Ein Verhalten, das wir nur sehr mühsam wieder loswerden können. Die meisten wollen das auch gar nicht. Es ist natürlich anstrengender, sich auf Neues einzulassen, als sich in den altbewährten Strukturen zu bewegen. Ich mache zum Beispiel nie meine Handtasche zu, mein Geldbeutel liegt meist nur ein Handgriff weit entfernt. Wurde er mir jemals geklaut? Nein. Was mir aber schon oft passiert ist: fremde Menschen weisen mich drauf hin, dass meine Handtasche offen ist. Das zeigt deutlich, wie tief dieses Misstrauen sitzt. Es wird als Tugend angesehen, genau wie man Kindern oder Frauen sagt, sie sollen nicht allein auf die Straße gehen. Hier läuft etwas völlig falsch, denn warum sieht man sich und andere immer gleich als potentielle Opfer, nicht als potentielle Täter? Anstatt jemandem zu sagen „Lass dich nicht vergewaltigen“, „Lass dich nicht beklauen“, könnte man doch genausogut sagen „Vergewaltige niemanden“, „Beklau niemanden“. Eine solche Diskursveränderung würde viel mehr bewirken. Anstatt das Böse und Schlechte als gegebene, unveränderliche Macht anzusehen würde man schlechte und unfaire Handlungen an sich thematisieren und in Frage stellen. Auf Kuschelparties wird dieser Wandel vollzogen. Wir lernen zuerst, die Grenzen des anderen zu respektieren, dann lernen wir, unsere eigene Grenze zu verteidigen. Beides ist für einen verantwortungsvollen Umgang miteinander notwendig. Misstrauisches Verhalten ist auf einer Kuschelparty völlig kontraproduktiv. Natürlich gibt es immer wieder den einen oder anderen der glaubt, die vertrauensvolle Atmosphäre ausnützen zu müssen. Aber hier lehrt die kollektive Intelligenz diesen Einzelnen eines Besseren. In diesem kleinen Rahmen ist es möglich, die Verhhältnisse umzukehren.

Während ich über all diese Faktoren nachdenke, erblühen in meiner Phantasie immer wieder Utopien von alternativen Gesellschaften. „Was wäre wenn es kein Misstrauen, keine Spassfeindlichkeit, keine Emotionsfeindlichkeit gäbe“…. Ich stelle mir eine Gesellschaft vor, die ihre Kindlichkeit und Neugierde bewahrt, die gern auf Fremdes und Fremde zugeht. Natürlich ist man auch mal gemein zueinander und streitet, aber da man seine Emotionen offen zeigen kann, verpuffen diese auch bald wieder, und man kann sich wieder nah sein. Eine Gesellschaft in der man sich regelmäßig zum Kuscheln trifft und in der man sich als Fremde auch anfassen kann. Ohne sexuelle Hintergedanken, da die meisten ein erfülltes Sexleben haben, ohne sich dafür schämen zu müssen. Tja, ich träum mal weiter und bis dahin arbeite ich weiterhin als Kuschlerin.

Danke fürs Zuhören!

Umarmung an euch alle!

2 Replies to “Berührungs-Normalität”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.