Berührung in der (klassischen) Therapie

Berührung als therapeutische Maßnahme gibt es nicht erst seit der Kuscheltherapie. Schon länger beschäftigen sich auch klassische Therapieformen mit der Wirkung von Berührung.

Schematherapie

Diesmal will ich euch von der Schematherapie erzählen. Dr. Jeffrey Young ist der Begründer der Schematherapie. Hauptmerkmal dieser Therapieform ist es, dass man die Schemata oder Muster (Modi) ergründet, die so in einem stecken. Man geht davon aus, dass jeder Mensch unterschiedliche Anteile in sich hat, zum Beispiel kindliche oder erwachsene, die unser Verhalten bestimmen. Bei Persönlichkeitsstörungen hat ein bestimmter Anteil die Regie übernommen, der nicht gut für uns ist. Er macht uns das Leben schwer.

Nun zum spannenden Teil: Young geht davon aus, dass in einer bestimmten Phase der Therapie Berührung zwischen Patient und Therapeut durchaus hilfreich sein kann. Mit Berührung meint er zwei Kuschelpositionen: Einmal seitliche Umarmung, also Arm über Schulter. Einmal frontale Umarmung, ohne zu engen Körperkontakt. Dabei übernimmt der Therapeut im Idealfall die Rolle eines Elternteils, wenn der Patient sich als bedürftiges Kind fühlt. Was passiert bei dieser Art der Berührung?

„Die positiven Wirkungen können bei schwerkranken Patienten, die niemals zuvor in den Arm genommen wurden oder Intimität erlebt haben, beeindruckend sein. Sie bekommen das Gefühl, dass sich jemand um sie kümmert, dass jemand sie wertschätzt, und sie lernen, wie wichtig auch Körperkontakt zu anderen Menschen außerhalb der Therapie ist. In einigen Fällen genügt die verbale Unterstützung des Patienten nicht, um das Gefühl zu erzeugen, dass sich wirklich jemand um ihn oder sie kümmert. Dies kann durch einen therapeutischen Körperkontakt besser erreicht werden.“

Wow! So eine Aussage (von einem Interview aus 2009) ist natürlich der Hammer für uns Kuscheltherapeuten. Genau so ist es! Was hier beschrieben wird, ist das „limited reparenting“, eine Erfahrung von elterlicher Geborgenheit im therapeutischen Rahmen. Der Mangel von damals wird hier in der Therapie nachgenährt. Dafür muss der Therapeut bis zu einem gewissen Grad in die Elternrolle schlüpfen und den Patienten wie ein idealer Elternteil mit Berührung unterstützen.

Verliebtheit in der Therapie

Auch zum Thema Verlieben gibt es eine interessante Aussage:

„Es kommt häufig vor, dass sich Patienten mit Borderline-Störung in den Therapeuten verlieben. Das geschieht, auch ohne dass Körperkontakt stattgefunden hat, und man kann dies auch nicht verhindern. Man sollte das auch nicht als anormal oder ungesund bezeichnen, solange der Patient sich nicht in diesen Gedanken verrennt, das Gefühl nicht anhält und nicht mit der Therapie interferiert.“

Nicht nur ist das Verlieben des Patienten in den Therapeuten normal, sondern kann sogar für die Therapie hilfreich sein, solange die Gefühle sich nicht zur Obsession entwickeln. Wie das?

Es geht hier um „korrektive emotionale Erfahrungen“. Das bedeutet, dass für den Klienten schwierige Emotionen wie Verliebtheit im Rahmen der Therapie ausgesprochen und gezeigt werden können. Wenn der Klient eine gute Erfahrung damit macht, also erlebt, dass der Therapeut nicht böse ist, sich nicht zurückzieht, sondern sich bis zu einem gewissen Grad zur Verfügung stellt, kann das Gefühl, ok zu sein, wachsen. Dabei ist extrem wichtig, dass der Therapeut immer die Grenze kommuniziert: Es ist ok, dass Sie in mich verliebt sind, das kommt vor, aber ich erwiedere Ihre Gefühle nicht, es wird sich daraus keine Romanze entwickeln. Damit wird auf den stabilen Rahmen der professionellen Beziehung verwiesen, auf den der Klient sich genauso verlassen können muss wie der Therapeut.

Zukünftige Zusammenarbeit?

Da Schematherapie und Kuscheltherapie einander zuweilen sinnvoll ergänzen könnten, gibt es aktuell einen wissenschaftlichen Austausch zwischen der Kuschel Kiste und Dr. Severus, Oberarzt an der Psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Dresden. Die Leitfrage ist, in welcher Form nicht-sexueller Körperkontakt in die Psychotherapie von z.B. PatientInnen mit Borderline-Erkrankung möglicherweise Eingang finden könnte.

Es bleibt spannend!

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