Kuschelparty versus „normale“ Party

Eine Gegenüberstellung

Falls ihr euch fragt, was denn so eine Kuschelparty überhaupt ist, und welche Vorteile es hat, eine solche zu besuchen: Hier findet ihr eine Gegenüberstellung einer Kuschelparty mit einer stinknormalen Party in einer Disco/bei jemandem zu Hause. Dadurch wird wohl der eine oder andere Aspekt deutlich.

Stellt euch vor, ihr seid eine ganz normale durchschnittliche Person, nicht sonderlich extrovertiert, nicht sonderlich introvertiert, mit durchschnittlich viel Erfahrung. Auf der Suche nach zwischenmenschlichem Kontakt.

Die Party

Der Ablauf bei einer normalen Party ist meistens der folgende. Man trifft ein, setzt sich erst einmal hin und fängt an zu trinken und zu rauchen. Das eignet sich besonders, wenn man alleine ankommt, aber auch in der Gruppe ist das ein beliebtes Einstiegsritual. Die Musik ist laut, Unterhaltungen können nur mit Mühe aufrecht erhalten werden. Zum Tanzen ist es aber noch zu früh. Was bleibt also anderes übrig, als ein Bier nach dem anderen zu begutachten?

Macht man sich nach ein bis zwei Stunden auf die Suche nach dem gewünschten zwischenmenschlichen Kontakt, trifft man auf die üblichen Hindernisse: Wie jemand Fremdes ansprechen, ohne creepy oder aufdringlich zu wirken? Oder einfach antanzen? Dazu fehlt meistens der Mut. Selbst wenn man von Freunden vorgestellt wird, ist das anschließende Kontaktaufnehmen äußerst mühsam, Smalltalk ist nun mal nicht jedermanns Stärke. Außerdem rutscht man schnell in Banalitäten und Langeweile ab.

Nach zwei bis drei Stunden ist der gewünschte Alkoholpegel erreicht, die Kontaktaufnahme läuft leichter, dafür ist die Wirkung etwas beeinträchtigt. Man kann nicht mehr so genau auf Signale des Gegenübers reagieren, es kommt zu Mißverständnissen. Dreiste Versuche werden dann irgendwann abgewehrt, man ist wieder am Anfang. Entweder geht man nun mit den Freunden oder alleine wieder nach Hause, oder wiederholt dieses Prozedere, bis das gewünschte Resultat zustande kommt. (Was mit dem Verrinnen der Zeit immer unwahrscheinlicher wird.)

Hat man nun doch Glück und trifft auf eine kompatible Person, so hält man sich nunmehr nicht mehr mit langen Reden auf, sondern geht gleich zum Küssen über. Die Interaktion verläuft eindeutig in eine sexuelle Richtung, der einzige Körperkontakt, der in diesem gesellschaftlichen Spiel an dieser Stelle vorgesehen ist. Ab hier gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder bricht der Kontakt an einem gewissen Punkt ab, weil eine Person nach Hause gehen will. Dann werden Nummern ausgetauscht und es bleibt die Hoffnung, dass man wieder in Kontakt treten wird. Oder aber beide entschließen sich, gemeinsam nach Hause zu gehen.

Hier muss man sich erst einmal der stinkenden Klamotten entledigen, und je nach Grad der Alkoholisierung findet nun eine mehr oder weniger erfolgreiche sexuelle Interaktion statt. Am Tag danach bleibt eine vage Erinnerung und ein latent schlechtes Gewissen zurück. In den seltensten Fällen ergibt sich aus einer solchen Situation eine beständige Beziehung.

Kurzfassung: Der Körper wird stark in Mitleidenschaft gezogen, die Lungen inhalieren extrem ungesunde Luft über Stunden hinweg, der Magen und die Leber müssen sich mit Mengen an Alkohol abmühen, unzählige Gehirnzellen sterben unter dem Alkoholeinfluss ab. Alkohol ist eine der gefährlichsten Substanzen unter legalen und illegalen Drogen. Das Risiko, dass man sich selbst oder anderen schadet, ist größer als bei den meisten anderen Substanzen. Bei kleinen Erfolgserlebnissen wird kurzzeitig Dopamin ausgeschüttet, ein Neurotransmitter, der vor allem anregend wirkt und auch bei Suchtverhalten ausgeschüttet wird. Meistens wird die (Berührungs-) Isolation jedoch noch mehr verstärkt, zusätzlich auch die Sehnsucht beim Anblick von anderen Paaren. Unsere Spiegelneuronen helfen leider nicht nur dabei, unsere Empathie zu verstärken, sondern machen uns auch schmerzlich bewusst, dass wir einsam sind. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, aktiviert das Schmerzzentrum im Gehirn. Dies wurde in Studien nachgewiesen, die Manfred Spitzer in seinem neusten Werk „Einsamkeit“ bespricht. So viel zu den biologischen Auswirkungen, die psychologischen will ich an dieser Stelle nicht ausführen, weil dies zu weit führen würde.

Kosten: 20-50 Euro je nach Alkoholkonsum und Ort.

Die Kuschelparty

Dazu nun im Vergleich der Ablauf bei einer Kuschelparty: Man kommt an und kennt wahrscheinlich erst einmal niemanden. Man fühlt sich wahrscheinlich nervös und unsicher. Gleichzeitig gibt es eine verantwortliche Person, welche die Gruppe von 10 bis 25 Leuten anleitet, man muss sich nicht um den Ablauf sorgen. Bei einer Kuschelparty wird zwar angeleitet, aber du musst nichts tun, was dir nicht gefällt. Es gibt immer die Möglichkeit, sich an den Rand zu stellen und zuzuschauen, wie auch bei einer normalen Party.

Die Kuschelparty beginnt, und es gibt am Anfang einige aktivere Runden, bei denen man auch umhertanzen und erste Kontakte durch Blicke und Begrüßungen herstellen kann. Ganz ähnlich wie bei einer normalen Party, nur dass hier alle Beteiligten den Kontakt wünschen, und dazu bereit sind, sich auch auf fremde Menschen einzulassen. Dann wird in verschiedenen Übungen die absichtslose Berührung geübt. Das bedeutet, du gehst auf den Menschen vor dir zu und fragst, ob eine Berührung ok ist. Wenn du ein Ja bekommst, kannst du nun vorsichtig den fremden Körper anfassen, ausschließlich an nicht-sexuellen Stellen natürlich. Hier lernst du auch, den Gesichtsausdruck, die Stimme und die Körperhaltung des Gegenübers zu studieren und auf positives und negatives Feedback zu achten. Das wird so lange geübt, bis sicher ist, dass jeder absichtslos berühren kann, und auch jeder, der berührt wird, ausdrücken kann, wann es ihm genug ist oder unangenehm. Nein sagen ist genauso wichtig wie Ja sagen. (Würde man diese Übungen auch an der Schule in den Studienplan integrieren, gäbe es heute wahrscheinlich keine #metoo Bewegung.)

Nachdem man nun bereits mit den meisten Teilnehmern in Kontakt gekommen ist, belebt sich die Stimmung und wird ausgelassener und kuscheliger. Das Oxytocin, das bereits bei den Vorübungen ausgeschüttet wurde, stärkt das Vertrauen in die Gruppe und das Gefühl der Zugehörigkeit. Gleichzeitig ist man nun bereit für das freie Kuscheln, der Körper verlangt meistens schon nach einer intensiveren Kuschelzeit, obwohl man diese Menschen vor zwei Stunden noch gar nicht kannte. Nach einer Verschnaufpause geht’s also dann weiter mit dem „großen Kuscheln“.

Hier legen sich nun alle in Reih und Glied oder wild durcheinander, so dass man meistens von allen Seiten von anderen Menschen umgeben ist. Das erzeugt erst einmal viel Wärme und das Gefühl von Geborgenheit. Dadurch, dass die einzelnen Körperteile nicht mehr einem Individuum zuzuordnen sind, verschwimmt nun auch endlich das zielgerichtete Bedürfnis, sich einen Menschen zu erobern. Man kann nun die Berührung als solche genießen. Dadurch dass Küssen und intimes Streicheln verboten sind, kann man sich ganz vertrauensvoll an jeden Menschen herankuscheln, egal welches Geschlecht. Dies kann in Folge zu euphorischen, rauschhaften und tranceartigen Zuständen führen, die einen die Zeit vergessen lassen.

Nach zwei Stunden in diesem Zustand geht die Kuschelparty so langsam seinem Ende zu. Nach ein wenig Strecken und wieder „aufwachen“ realisiert man nun, mit wem man gekuschelt hat, und kann vielleicht eine Überraschung erleben. Es ist jetzt natürlich auch möglich, sich privat zu verabreden, das muss aber nicht sein. Viele Besucher der Kuschelparties besuchen diese regelmäßig und treffen sich so immer wieder. So wie man sich in anderen Fällen beim Stammtisch oder bei Familientreffen begegnet. Dadurch entsteht auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl.

Kurzfassung: Bei einer Kuschelparty muss erst einmal eine anfängliche Angst und Nervosität überwunden werden. Man wechselt in bequeme Kleidung und läßt damit den Alltag hinter sich. Anschließend wird der Körper meditativen und entspannenden Lockerungsübungen unterzogen, welche Stress abbauen und das Gedankenkarussell beenden. Dann werden erste Berührungen ausgetauscht, welche hauptsächlich Oxytocin ausschütten. Nach den ersten zögerlichen Versuchen können verschiedene Berührungsformen ausprobiert werden, da das Gegenüber immer auf seine eigenen Grenzen achtet. Die eigenen Fähigkeiten können angewendet und verbessert werden. Im letzten entspannenden Teil wird der Körper in einen meditativen Entspannungszustand versetzt, der durch den engen Körperkontakt vor allem durch das Oxytocin gesteuert wird. (Ähnlich dem Zustand nach einem Orgasmus, der auch von Oxytocinausschüttungen begleitet wird.) Mehr zur Kuschelenergie könnt ihr auch in Gerhard Schrabals Buch über Kuschelparties nachlesen.

Kosten: 15-20 Euro.

 

Wenn ihr also überlegt, was ihr nächstes Wochenende machen wollt, und welche Party es diesmal sein soll, könnt ihr gern mal die Vor- und Nachteile neu abwägen. 😉

 

 

3 Replies to “Kuschelparty versus „normale“ Party”

  1. Habt ihr dabei nicht „Angst“, dass ihr jemanden mal nicht „riechen“ könntet? Bei engem Kuscheln riecht man ja auch den Gegenüber… er muss ja nicht stinken aber jeder hat ja seinen individuellen Körpergeruch, der jemanden anzieht oder abstößt. Was macht man da?

    1. Wir haben ja prinzipiell keine Angst, und der Geruchssinn adaptiert sich enorm schnell. Wenn jemand penetrant riecht kann man immer was dagegen tun, alles was unterschwelliger riecht, kann man leicht abschalten. Das sind auch so Vorurteile, die man hat. Im ganzen Leben gibt es vielleicht einmal eine Person, die man nicht anfassen würde wegen dem Geruch. (Und der Rest setzt sich zusammen aus Schweiß, Zigaretten und Alkohol, also Dinge, die bei unseren Kunden nicht vorkommen.)

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