Kuscheln als Konfrontationstherapie

Das menschliche Gehirn funktioniert mit Vorurteilen. Was wir umgangssprachlich ein Vorurteil nennen, ist neurologisch gesehen ein wichtiger Mechanismus zum Überleben. Das Gehirn bewertet eine Situation aufgrund von unbewussten gespeicherten Erinnerungen und verhält sich entsprechend der damals gespeicherten Reaktion. Manche Menschen reagieren deswegen auf Berührung mit Stress.

 

Biologischer Hintergrund

Hat man häufig schlechte Erfahrungen mit Berührungen und mit Kuscheln gemacht, wird eine Berührung auch in Zukunft immer Stress auslösen. Stress ist nicht nur eine Ausschüttung von Cortisol, dem Stresshormon, sondern eigentlich viel komplexer. Ich versuche, es möglichst einfach zu erklären. Eine aktuelle Situation wird in der Großhirnrinde erfasst. Daraufhin wird sie in das Zentrum für emotionale Intelligenz weitergeschickt, zum limbischen System. Dieses vergleicht die Situation mit bereits gespeicherten Situationen. Gibt es eine negative Vorerfahrung, passieren drei Dinge: Der Hypothalamus aktiviert das Stress-Gen CRH und die Hypophyse schüttet den Botenstoff ACTH aus. Dieser Stoff schaltet in der Nebenniere die Produktion von Cortisol ein. Es wird aber noch ein zweites System benachrichigt, nämlich der Hirnstamm. Hier wird Noradrenalin produziert, was den Herzschlag und Kreislauf in die Höhe treibt.

Hier gibt es also eine Kaskade an Reaktionen im ganzen Körper, die völlig unbewusst ablaufen. Und zwar immer dann, wenn eine schlechte Erfahrung reaktiviert wird. Das perfide an diesem Ablauf: Mit jeder Reaktion verstärkt sich das Muster selbst (die Synapsen werden vergrößert), die Stressreaktion kommt immer schneller und häufiger.

 

Folgen

Das führt dazu, dass du selbst in ganz neuen Situationen ängstlich, gehemmt und vermeidend reagierst. Das sieht man besonders deutlich an Erwachsenen, die als Kinder früh von der Mutter getrennt oder oft alleingelassen wurden. Wenn die Stressreaktion, die ich oben beschrieben habe, so früh aktiviert wird, dann hat das für den Rest des Lebens Auswirkungen. (Michael Meaney hat hierzu viel geforscht.)

 

Lösungen

Einige Menschen, zum Beispiel Extremsportler oder Vortragsredner, tricksen ihre Biologie aus, indem sie Betablocker nehmen. Das hemmt nämlich das Noradrenalin und man ist nicht mehr so „aufgeregt“. Wir halten davon natürlich nichts, weil absichtslose Berührung da genauso effektiv arbeitet und noch dazu ohne Nebenwirkungen.

Was aber, wenn Berührung auch noch zusätzlich Stress auslöst, wegen schlimmen Vorerfahrungen? Hier kann Kuscheltherapie eine wirksame Lösung sein. Gesprächstherapie kann das Unterbewusstsein über den Vertand erreichen, und hier die Botschaft vermitteln, dass kein Grund zur Sorge, zur Aufregung ist. (Zum Beispiel in Beziehungen oder in sozialen Situationen.) Gegen die neurologische Prägung ist ein Gespräch aber wirkungslos. Denn in der Situation wird automatisch wieder Stress ausgelöst, das passiert unbewusst und ist deshalb nicht direkt beeinflussbar. Geht man aber in die gefürchtete Situation hinein und bleibt dort, bis die Reaktion abnimmt, der Puls sich beruhigt, dann kann die Stressreaktion nach und nach überschrieben werden. (Bei Phobien wird in der Therapie zum Beispiel häufig so gearbeitet.)
Das braucht natürlich auch seine Zeit, kann aber sehr effektiv sein. Bei Kunden, die regelmäßig Kuschelsessions besuchen, ist genau dieser Effekt zu beobachten. Die ersten Male sind sie in den ersten 10 Minuten noch sehr aufgeregt. Dann beruhigt sich der Puls mit jedem Mal rascher. Das bedeutet, die automatische Reaktion im Gehirn wird langsam abgebaut und umprogrammiert. Deswegen ist es durchaus auch sinnvoll, mit unterschiedlichen Kuscheltherapeuten zu kuscheln, damit der Fremdheitseffekt ausgenutzt werden kann.

Viele Menschen trauen sich nicht mehr, in soziale Situationen zu gehen, weil ihre Stressreaktion sie abschreckt. In diesem gestressten Zustand ist eine normale Interaktion auch sehr schwierig. Sie kann den Stress sehr leicht verstärken indem „peinliche Dinge“ passieren. Meistens enden diese Versuche in Flucht und Rückzug.

Wenn ihr selbst in einer ähnlichen Situation seid, dann zögert nicht, die Kuscheltherapie mal als Konfrontationstherapie auszuprobieren!

 

Die Details könnt ihr bei Joachim Bauer in seinem Buch Das Gedächtnis des Körpers nachlesen. Dieser Blogbeitrag basiert auf seinen Erkenntnissen.

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