Imaginäres Interview – Teil 3

Teil 3: Mit Kuscheln die Welt verändern

Inspiriert durch das FM4 Interview in der Sendung „Auf Laut“ mit Elisa hatte ich das Bedürfnis einige wichtige Fragen davon aufzugreifen, weitere zu ergänzen und ausführlich zu beantworten – in 3 Teilen.

  • Kuscheln ist nicht nur fundamental wichtig für die physische und psychische Gesundheit der Menschen, sondern auch für ein gesundes soziales Miteinander. Ohne Berührung gäbe es keine funktionierende Gesellschaft!
  • Dr. Martin Grunwald – ein Pionier der Berührungsforschung – hebt die soziale Rolle von Berührung in seinem Buch „Homo Hapticus“ hervor. Kein anderer Sinneskanal und auch Worte seien nicht dazu fähig so schnell und unmissverständlich emotionale Botschaften zu vermitteln. Über Berührung kommunizieren wir Zuneigung, Verzeihen, Freude Anerkennung, Lob, Wertschätzung, Furcht, Ablehnung. Das Tatsinnessystem ist enorm komplex und hochsensibel. Evolutionär macht das Sinn, da der Mensch auf Gemeinschaft angewiesen ist. Daher belohnt der Körper uns für sozial „richtige“ Berührungen mit einem Botenstoffcocktail, der in einen zufriedenen und entspannten Zustand führt. „In unserer Individualentwicklung haben Körperberührungen durch andere Menschen einen herausragenden und überlebenswichtigen Stellenwert. Dass unser Organismus auf situationsadäquate Berührungsreize deshalb in der Regel mit positiven Emotionen und reduzierter Stressbiologie reagiert, folgt somit auch einem langen individuellen Lernprozess. Während dieses Prozesses haben wir nicht nur eine sozial angemessene Körperinterkation mit fremden Menschen erlernt, sondern hat unser Körper auch entsprechende biologische und psychische Reaktionsmuster entwickelt. Wahrscheinlich sind diese Reaktionsmuster die Grundbausteine unseres Verhaltens bei zwischenmenschlichen und alltäglichen Körperinteraktionen.“
  • Kory Floyd, Professor der Universität Arizona hat eine Studie mit 509 Erwachsenen zum Thema Berührungsmangel und deren Auswirkungen ausgewertet. Er nennt den Mangel an Berührung „Berührungshunger“. Er stellt fest, dass Berührung genauso wichtig wie Essen, Wasser oder Ruhe ist. Die Menschen mit einem starken Berührungshunger litten, waren weniger zufrieden, einsamer, neigten zu Depression und gaben an, mehr Stress zu erfahren. Außerdem waren sie in schlechterer gesundheitlicher Verfassung. Sie fühlten weniger soziale Unterstützung und waren in sozialen Beziehungen weniger zufrieden. Außerdem hatten sie mehr Immunsystemdefekte. Interessanterweise trat auch häufiger Alexithymia auf, ein körperlicher Zustand, in dem die Fähigkeit reduziert ist, Emotionen selbst auszudrücken und bei anderen zu interpretieren.
  • Die sozialen Auswirkungen bestätigt auch Uta Streit, eine Psychotherapeutin aus München. Sie hat sich viel mit Patienten beschäftigt, die Körperkontakt-Störungen haben. Ihrer Meinung nach ist das Kuschelhormon Oxytocin für eine funktionierende Kommunikation wichtig. Für soziales Sehen und soziales Hören. Für die Fähigkeit Mimik und Stimmlagen bei anderen Menschen zu erkennen und zu interpretieren. Oxytocin ist essentiell für ein gesundes Innenleben und Sozialleben. Es sichert die Fähigkeit, Vertrauen zu können, neugierig zu sein und zu entspannen. Gesellschaft ohne Oxytocin, ohne Kuscheln, würde nicht funktionieren.
  • Auch Panjan Patel, eine Psychotherapeutin aus Amerika, nennt weitreichende soziale Auswirkungen von Berührung. Soziologische Studien hätten vielfältige positive Auswirkungen gezeigt: Darunter Steigerung der Eigenmotivation und Teammoral, besseres Image und Linderung von Depression. Wenn Lehrer in einer aufmunternden Geste ihre Hand auf den Schultern von Studenten vorab berührten, waren sie gewillter, am Unterricht teilzunehmen. Kellner/innen bekamen mehr Trinkgeld, wenn sie die Gäste kurz berührten. Als Ärzte ihre Patienten während einer Routineuntersuchung berührten, wurden sie besser bewertet. Die Teammoral von Sportlern konnte durch Berührung (high fives, Umarmumgen, Klapse) gesteigert werden und sie gewannen häufiger. Eine tägliche 15-minütige Massage von ihrem Partner zeigte sich als wirkungsvolles Antidepressivum bei Müttern, die unter einer Nachgeburts-Depression litten.

 

Quellen:

„Die unterkuschelte Gesellschaft“ von Margarete Moulin; taz Online-Artikel, http://www.taz.de/!5296607/; aufgerufen am 23.09.2017

“The Life of the Skin-Hungry: Can You Go Crazy from a Lack Of Touch?” von Sirin Kale; Vice Online-Artikel, https://broadly.vice.com/en_us/article/d3gzba/the-life-of-the-skin-hungry-can-you-go-crazy-from-a-lack-of-touch; aufgerufen am 23.09.2017

“What lack of affection can do to you” von Kory Floyd, PHD; Online-Artikel von Psychology Today, https://www.psychologytoday.com/blog/affectionado/201308/what-lack-affection-can-do-you; aufgerufen am 23.09.2017

“Are we touching enough” von Ranjan Patel (PsyD, MFT); Online-Artikel von PsychCentral, https://psychcentral.com/lib/are-we-touching-each-other-enough/, aufgerufen am 23.09.2017

 „Homo Hapticus -Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können“, Dr. Martin Grunwald, 2017; Droemer-Verlag, ISBN 987-3-426-27706-5

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