Ethymologie der Berührung

berühren = tango (lat.)

Die Übersetzungsmöglichkeiten für das Verb „berühren“ wurden im Stowasser Latein-Lexikon unter „tango“ nachgeschlagen. Sie mögen der Ausgangspunkt für einige Reflexionen über den vielfältigen Begriff und seine Verwendung im deutschen Kultur- und Sprachraum sein.

 

  1. berühren, anrühren

Berühren hat neben seiner physikalischen Bedeutung noch weitere vielfältige Bedeutungen. Anrühren verweist schon auf eine starke emotionale Verbindung. Wenn uns etwas anrührt, macht es Eindruck auf uns, es spricht uns an, beschäftigt uns gedanklich, macht betroffen, erschüttert uns, geht zu Herzen, wühlt uns auf, erregt uns. Kein Wunder: Berührung ist untrennbar mit unseren Emotionen verwoben.

  1. mit etw. berühren

Wir können nicht nur mit dem gesamten Körper und physikalischen Gegenständen jemand anderes berühren, sondern auch mit einer immateriellen Leistung: mit einem Vortrag, der unter die Haut geht oder Musik, die Gänsehaut auslöst.

  1. kosten, essen, trinken

Die Römer scheinen Berühren interessanterweise auch mit dem Geschmackssinn zu verbinden. Die haptische Wahrnehmung unseres Essens spielt für das Geschmackserlebnis eine entscheidende Bedeutung. Unsere Zunge ist unser sensibelstes Tastorgan. Als einer der ersten Handlungen im menschlichen Leben (noch im Mutterbauch) beginnen wir diesen Teil des größten Sinnesorgans für unsere Eigenerkundung zu nützen: Schon als Embryo stecken wir den Daumen in den Mund. Und als Kind wird die äußere Welt ausgiebig erforscht, indem alles in den Mund gesteckt wird. Das Tastsinnessystem ermöglicht uns die Herstellung von Identität und Wahrnehmung der Außenwelt

  1. beginnen

In Berührung gehen, vorantasten, vorfühlen: auch als Erwachsene verbinden wir eine Berührung als den vorsichtigen Beginn einer Erforschung.

  1. sich vergreifen

Berührung bekommt an dieser Stelle eine moralische Färbung: Berührung ist in der Gesellschaft oft tabuisiert, weil es mit Intimität und Sexualität verbunden ist. Wir leben in einem berührungsfeindlichen Zeitalter.

  1. schlagen

Berührung kann auch schmerzhaft sein. Oft prägt sich eine solche Berührungserfahrung besonders ins Körpergedächtnis ein und kann großen und langwierigen Schaden verursachen.

  1. betreten, erreichen

Berühren wir etwas oder werden wir berührt, treten wir in eine neue Welt ein. Eine Welt die sehr nahe an unserem inneren Kern ist. Eine Welt, die sich authentisch anfühlt, die in uns eine Tiefe spüren lässt.

  1. (geistig) rühren, bewegen, Eindruck machen

Berührung ist nicht nur ein Schmerzempfinden, sondern ist fundamental für unsere emotionale Stabilität und zwischenmenschliche Kommunikation. Berührung löst eine Fülle an Botenstoffen aus, die direkt auf unsere Psyche wirken (Oxytocin, Serotonin…)

  1. erwähnen, anführen

Ein Thema berühren bedeutet, dass wir es kurz anschneiden, wir tangieren es nur. Ablehnend sagen wir auch z.B. „Das tangiert mich nicht.“

  1. betrügen, prellen

Betrug mit Berührung gibt es häufig in mononormativen Beziehungsdispositiven (eine monoamore und monogame Beziehung mit den Vorannahmen von gesellschaftlichen Konventionen). Eine Berührung kann bereits als Verletzung der Treue gewertet werden und Eifersucht auslösen.

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